Geschichte Sziget

In einem klapprigen Kleinbus, an einem Frühlingstag Anfang der 90er Jahre – der ungarische Musiker, Dichter, Regisseur Péter Müller Sziami und der Konzertveranstalter Károly Gerendai sind auf dem Heimweg von einem Konzert. Laut denken sie über die kulturellen Entwicklungen im eigenen Land nach.

Ausgangspunkt ihrer Diskussion war das "Touristische Landestreffen der Universitäts- und Hochschulstudenten", kurz EFOTT genannt, eine der beliebtesten Jugendveranstaltungen Ungarns, vergleichbar mit den amerikanischen Spring Breaks. Ursprünglich ein sozialistisches Sommerlager, wurde es nach dem Ende des Kalten Krieges Anziehungspunkt für tausende Jugendliche, die gemeinsam eine einzige große, alkoholgeschwängerte Party feierten. Anzeichen der vielfältigen künstlerischen und musikalischen Szenen, die der Postsozialismus auch hervorgebracht hatte, suchte man dort jedoch vergeblich. Ist es nicht möglich, fragten sich Müller Sziami und Gerendai, eine ausgelassene Party und kulturellen Anspruch zu vereinen?

Aus Gedankenspielerei wurde eine fixe Idee. So wandten sie sich mit ihrem Anliegen an die Stadt Budapest: Ob die Hauptstadt nicht ein solches Festival für die Jugend organisieren könne? Die Antwort der Regierenden war deutlich: Die Stadt sei schließlich keine Veranstaltungsfirma. Wenn sie aber so sehr an dieses Festival glaubten, dann könnten sie es doch selbst organisieren. Der Unterstützung der Stadt könnten sie sich gewiss sein. Dieses letzten Anstoßes hatte es bedurft. Das Sziget-Festival war geboren.
Das erste Sziget Festival fand 1993 unter dem Namen "Studenteninsel" mit 200 Konzerten sowie 40 Theateraufführungen statt. Es war ein ausschließlich nationaler Event – alle auftretenden Künstler waren nur in Ungarn bekannt. Woodstock wurde wieder lebendig, sowohl bei den Konzerten, der Stimmung im Publikum als auch im Rahmen von 80 Filmen.

Beim zweiten Sziget Festival explodierten die Besucherzahlen von 40.000 auf 140.000. Der Idee des amerikanischen Sommerfestivals lebte beim Sziget sowohl namentlich als auch im Programm weiter – beim so genannten "Eurowoodstock" zählten Jefferson Starship, Eric Burdon, The Byrds sowie Blood Sweat & Tears zu den Main-Acts. 1994 war ein Publikumserfolg, finanziell aber blieben Narben. Teile des Teams verließen die Organisation.

Ab dem Sziget95 orientierte man sich an aktuellen Trends und vergrößerten vor allem die musikalische Bandbreite. Neben klassischem Rock wurde erstmals auf dem Festival Blues sowie irische Folkmusic gespielt. 1996 stieg das Sziget mit internationalen Stars wie Slash, Iggy Pop, Prodigy, Stone Roses, Sonic Youth und Therapy? in die europäische Liga der großen Musikfestivals auf. Neue Musikstile wie Elektro, Weltmusik, Klassik und Punk wurden in das Programm integriert. Literatur, Theater, politische Diskussion - kaum ein Ausdrucksmedium, dem auf dem Sziget nicht ein Raum gewidmet ist.

Seit dem ersten Sziget im Spätsommer 1993 sind die Besucherzahlen auf 369.000 im letzten Jahr gestiegen. Die Namen der auftretenden Musiker lesen sich wie eine Aufstellung der Chartbreaker und Poplegenden der letzen dreißig Jahre. Von Punk- und Rockstars wie The Cure, New Model Army, The Hives, David Bowie und Faith No More über Suzanne Vega, Franz Ferdinand, Oasis bis hin zu Alt- und Neurappern wie Run DMC und Busta Rhymes. Auch der Buena Vista Social Club war hier zu sehen.

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es ein besonderes Sommerfestival mitten in einer mitteleuropäischen Metropole auf einer Insel mit einem enormen Line-Up und einer einzigartigen Atmosphäre gibt.

Ein bisschen wie Ferienlager – nur größer, besser und interessanter.